Willkommen
– Welcome
Virtuelles Museum der
Wissenschaft – Virtual Museum of Sciences
-sten
Basler Zeitung "Märtbricht" vom 15.6.96
von -sten
Mikroskope von der Oltscherenalp "Wirf doch den alten Mist weg!" hiess es nur allzuoft, wenn ein Labor mit
allerneuesten wissenschaftlichen Instrumenten ausgerüstet wurde, die mehr leisteten als
die Apparate von vorgestern.
Vieles ist tatsächlich weggeworfen worden, aber einigen weitblickenden Leuten
(Betriebsbezeichnung "Spinnsieche") hat es gedämmert, dass wissenschaftliche
Geräte Kulturschätze sind, wie Bilder berühmter Künstler oder antike Tempel. Die haben
dann Abfallmulden durchsucht und Schrotthaufen und Flohmärkte, und inzwischen haben
einige Betriebe aus diesen Zeugen ihrer Vergangenheit sogar Ausstellungen, ja Museen
zusammengestellt, auf die sie mit Recht stolz sind.
Bei der CIBA-Abteilung "Forschungsdienste PHYSIK", in der unter anderem
elektronische Mikroskope von unerhörter Leistungsfähigkeit im Einsatz sind, wurde gerade
eine Ausstellung eröffnet mit Mikroskopen, die bis vor einer Generation ultramodern
waren. Abteilungsleiter F. Thommen und Organisator Kurt Paulus haben mit ihr einen Beitrag
zur industriellen und wissenschaftlichen Archäologie geleistet, einem ebenso
erstaunlichen wie faszinierenden neuen Gebiet. Und das bringt uns auf eine Alp oberhalb
der Giessbachfälle und zu drei sehr bemerkenswerten Leuten: einem Mechaniker namens Carl
Zeiss, einem Glaschemiker Otto Schott und einem Physiker Ernst Abbe. Aber zuerst zu einem
Bürger und Hobbyforscher namens Antonie van Leeuwenhoek im Städtlein Delft vor 320
Jahren.
Mijnheer Antonie hatte sich aus Glaskügelein von wenigen Millimetern Durchmesser, zwei
Metallplättli von Briefmarkengrösse und drei Schrauben Lupen gebaut, die bis zu 300mal
vergrösserten – niemandem vor ihm war dies gelungen. Mit ihnen entdeckte er in
schlammigem Wasser etwas,das er "kleine Animalcules" nannte. Diese kleinen
"Tierlein" waren allerlei Mikroben, darunter Kolibakterien, die er als erster
Mensch der Welt sah. Mit seiner Entdeckung, die er in Briefen an wichtige Leute schrieb,
begründete er die völlig neue Disziplin der Erforschung des unsichtbar Kleinen. Bald
wurden kompliziertere und bessere Mikroskope aus zwei oder mehr Linsen von kunstfertigen
Feinmechanikern gebaut. Sie litten aber alle an einem Mangel: Es gab kein Glas von hoher
Reinheit für die Linsen. Glas gab’s in Massen, aber es hatte Schlieren, war verfärbt,
besass Blasen und weitere Schäden.
Eine Reihe von emsigen Technikern, darunter der Schweizer P.L. Guinard, stellten immer
reinere Glassorten her, aber es brauchte die enge Zusammenarbeit von Schott, Abbe und
Zeiss, bis wirklich hochwertige Mikrokope zur Verfügung standen, mit denen Leute wie
Louis Pasteur, Robert Koch, Hansen, Löffler , Yersin und weitere Forscher unter anderem
Erreger von todbringenden Krankheiten und Seuchen finden konnten. Und es brauchte
Kristalle von der Oltscheren Alp.
Dort hatten Älpler in lehmigen Spalten und in kaum zugänglichen Höhlen der Granitfelsen
Kristalle des Fluor-Calcium-Minerals Flussspat entdeckt, des Fluorits. Genau dieses
Mineral benötigte Ernst Abbe für das Spezialglas seiner apochromatischen Linsen, die
noch wesentlich schärfere Vergrösserungen im Mikroskop erlaubten. Die Älpler hingegen
versuchten, ihre Funde als Andenken oder Sammelobjekte an Touristen zu verschachern, die
damals im Brienzer Gebiet wanderten. "Es soll einer wagen, uns zu vertreiben – da
käme einer schlecht weg!" erklärten sie dem Berner Geologen Edmund von Fellenberg.
Sie nahmen zwar über 900 Franken von Ernst Abbe an, lieferten ihm aber nur Abfall und
verkauften die schönen Kristalle, die er brauchen wollte, auf eigene Rechnung an Fremde.
"Dies ein neues, nettes Müsterchen von der sogenannten Biederkeit der
Alpensöhne!" schrieb von Fellenberg.
Was weiter mit dem Fluorit von der Oltscheren Alp geschah, schildert von Fellenberg am 16.
Februar 1889 an einer wissenschaftlichen Sitzung in Bern. Sein Vortrag ist fast so
spannend zu lesen wie die Geschichten von Sherlok Holmes, die zwei Jahre darauf zu
erscheinen begannen und ein paar Kilometer entfernt bei den Reichenbach-Fällen einen
Höhepunkt hatten. Kurt Paulus hat hat den Vortrag ausgegraben und bei der
CIBA-Ausstellung aufgelegt. Dank dafür!
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von Brienz zu 2.70………..